Ina Kordts
Schulische Identitäten und soziale Disparitäten
Seiteneinsteiger/-innen in verschiedenen Schultypen
Wie werden schulische Identitäten von Seiteneinsteiger/-innen ko-konstruiert und in welchem Verhältnis stehen diese zu kollektiven Identitätszuschreibungen der gesamten Klasse? Diese Dissertation der Germanistischen Linguistik an der Schnittstelle zur Pädagogik beschäftigt sich mit Interaktion und Identität von Seiteneinsteiger/-innen im Regelunterricht der Sekundarstufe an zwei Schulen, einem privaten Gymnasium und einer Werkrealschule.
Ziel dieser Arbeit ist es, anhand einer Schülergruppe aufzuzeigen, inwiefern sich Bildungsungleichheit u. U. auch in interaktionaler Identitätsarbeit in unterschiedlichen Schultypen spiegelt. Im theoretischen Teil der Arbeit wird gezeigt, dass schulische Differenzdimensionen und solche, die insbesondere Seiteneinsteiger/-innen betreffen, in der Schule wirksam sind sowie in verschiedenen Schultypen unterschiedliche schulische Organisationsmilieus anzunehmen sind. Positionierungen lassen sich zudem als ergiebige Ressource für interaktionale Identitätsarbeit festhalten.
Die empirische Untersuchung greift auf den methodologischen Rahmen der interaktionalen Soziolinguistik zurück und arbeitet mit Fallstudien. Einzelfallanalysen zeigen, dass die Hervorbringung seiteneinsteiger-spezifischer Merkmale, der Grad der Unterrichtsbeteiligung und der Agency sowie Zugehörigkeitszuschreibungen verbindende Merkmale solcher Ko-Konstruktionen schulischer Identitäten darstellen. Dabei eröffnen kollektive Positionierungen einer Klasse einen Möglichkeits-raum für individuelle Positionierungen, wodurch interaktionale Identitätsarbeit wesentlich durch den jeweiligen schulischen Kontext und die dortigen strukturellen Setzungen geprägt ist.
Aus den kollektiven Positionierungen lassen sich zudem milieuprägende Muster rekonstruieren, die sich zu schulspezifischen Logiken verdichten. In deren funktionaler Einbettung wird sichtbar, dass Identitätsarbeit sowohl für die Erarbeitung fachlicher Inhalte als auch für das Klassenmanagement zentral ist und sich je nach Schultyp unterschiedlich organisiert.
Ina Kordts hat Sprachlehr- und -lernforschung, Deutsche Sprache und Öffentliches Recht an der Universität Hamburg studiert und an der Universität Freiburg in Germanistischer Linguistik promoviert.
Seit 2021 arbeitet sie am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Basel. Neben ihrer Tätigkeit im Wissenschaftsmanagement beschäftigt sie sich mit schulischen Interaktionen; ihr besonderes Interesse gilt dabei Identitätsaushandlungen und Zuschreibungen im Unterricht sowie Fragen von Bildungsungleichheit im Kontext schulischer Praxis, denen sie sich auch in interdisziplinären Forschungskontexten widmet.